„Kupferbrille = Kupfermangel?“ Warum ich trotzdem genauer hinschaue

„Der hat eine Kupferbrille, dem fehlt Kupfer.“
Diesen Satz hört man in der Pferdewelt ziemlich häufig. Gemeint sind auffällige Veränderungen der Fellfarbe rund um die Augen. Bei braunen und dunkelbraunen Pferden kann der Bereich beispielsweise deutlich heller oder hellbraun erscheinen, bei schwarzen Pferden wirkt die Veränderung häufig eher gräulich.
Aber bedeutet so eine Kupferbrille automatisch, dass das Pferd einen Kupfermangel hat?
Nein. So einfach ist es für mich nicht.
Trotzdem gehört eine typische Veränderung rund um die Augen zu den Dingen, bei denen ich genauer hinschaue. Denn die Verbindung zwischen Kupfer und Pigmentierung kommt nicht irgendwoher. Kupfer spielt tatsächlich eine wichtige Rolle bei der Bildung der Pigmente, die Haut und Haar ihre Farbe geben.
Und wenn ich gleichzeitig eine Ration vor mir habe, bei der die Grundversorgung ohnehin nicht vernünftig aufgestellt ist und auch die Kupferversorgung niedrig ausfällt, wird diese Beobachtung für mich durchaus interessant.
Kupfer ist deutlich mehr als „das Spurenelement für die Fellfarbe“

Kupfer wird nur in vergleichsweise kleinen Mengen benötigt und gehört deshalb zu den Spurenelementen. Klein ist seine Bedeutung im Körper deshalb allerdings ganz und gar nicht.
Kupfer wird für verschiedene Enzyme benötigt und ist dadurch an ganz unterschiedlichen Vorgängen beteiligt. In meiner bisherigen Arbeit spielt es unter anderem bei Bindegewebe, Blutbildung und Eisenstoffwechsel, Pigmentierung und verschiedenen enzymatischen Stoffwechselprozessen eine Rolle. Auch in meiner bisherigen Wissensaufbereitung habe ich Kupfer deshalb nie nur als „Fell-Spurenelement“ betrachtet.
Beim Bindegewebe ist Kupfer beispielsweise an Enzymsystemen beteiligt, die für die Stabilität und Vernetzung von Kollagen und Elastin wichtig sind. Damit betrifft eine ausreichende Kupferversorgung nicht nur das Fell, sondern Strukturen wie Knochen, Knorpel, Gefäße und anderes Bindegewebe.
Auch beim Eisenstoffwechsel spielt Kupfer eine Rolle. Eisen einfach nur im Körper zu haben, reicht nämlich nicht. Es muss transportiert und verwertet werden können. Kupferabhängige Prozesse sind an dieser Mobilisierung und Nutzung von Eisen beteiligt. Deshalb kann eine ausgeprägte Kupferunterversorgung unter anderem mit einer bestimmten Form der Anämie einhergehen. Veterinärmedizinische Referenzen nennen daneben auch Bindegewebe, Eisenmobilisierung, mitochondriale Funktionen und Pigmentierung als wichtige kupferabhängige Bereiche beim Pferd.
Hinzu kommen antioxidative Schutzsysteme. Kupfer ist Bestandteil kupferabhängiger Enzyme, die dabei helfen, reaktive Sauerstoffverbindungen unschädlich zu machen. Auch deshalb ist Kupfer nicht sinnvoll auf Fellfarbe oder einen einzelnen sichtbaren Effekt zu reduzieren.
Und dann gibt es genau den Bereich, um den es bei der Kupferbrille geht: die Pigmentbildung.
Warum Kupfer überhaupt die Fellfarbe beeinflussen kann
Die Farbe von Haut und Haar entsteht unter anderem durch Pigmente, die als Melanine bezeichnet werden.
An der Bildung von Melanin ist ein Enzym namens Tyrosinase beteiligt. Und genau dieses Enzym benötigt Kupfer. Tyrosinase ist ein kupferhaltiges Enzym und katalysiert entscheidende erste Schritte der Melaninbildung. Melanin wiederum gehört zu den wesentlichen Pigmenten in Haut, Haaren und Augen.
Sehr vereinfacht könnte man also sagen:Kupfer → kupferabhängige Tyrosinase → Melaninbildung → Pigmentierung

Das heißt natürlich nicht, dass die Fellfarbe nur von Kupfer abhängt. Genetik, Jahreszeit, Fellwechsel und viele weitere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle.
Aber es erklärt, warum eine unzureichende Kupferversorgung überhaupt Auswirkungen auf die Pigmentierung haben kann.
Und tatsächlich wird Pigmentverlust auch in der veterinärmedizinischen Literatur als mögliche Folge eines Kupferdefizits beim Pferd beschrieben.
Deshalb finde ich die Aussage „Kupfer hat mit der Fellfarbe gar nichts zu tun“ genauso wenig überzeugend wie „helle Augenringe beweisen einen Kupfermangel“.
Für mich entscheidet die Gesamtsituation
Wenn ich irgendein Pferd sehe, das einen helleren Bereich rund um die Augen hat, kann ich anhand dieses Anblicks nicht wissen, wie seine Kupferversorgung aussieht.
Ich weiß nicht, was im Raufutter steckt. Ich kenne das Mineralfutter nicht. Ich weiß nicht, welche Menge davon tatsächlich gefüttert wird und wie die gesamte Spurenelementversorgung aussieht.
Also würde ich nicht auf das Pferd schauen und sagen:
„Kupferbrille, gib Kupfer.“
Anders sieht es aus, wenn ich die Ration kenne oder berechne.
Wenn die Grundversorgung ohnehin Lücken hat, die Versorgung mit Spurenelementen insgesamt nicht vernünftig aufgestellt ist und ich gleichzeitig sehe, dass auch Kupfer rechnerisch niedrig liegt, dann bekommt eine typische Veränderung der Pigmentierung für mich eine ganz andere Bedeutung.
Dann habe ich nämlich nicht nur einen hellen Ring ums Auge.
Ich habe mehrere Informationen, die zueinander passen können.
Genau deshalb ist eine Kupferbrille für mich keine Diagnose, aber durchaus ein Hinweis, den ich ernst nehme.
„Aber im Blut ist Kupfer doch normal“
Ein unauffälliger Kupferwert im Blut bedeutet nicht automatisch, dass damit der gesamte Kupferstatus des Pferdes abschließend beurteilt werden kann.
Kupfer befindet sich nämlich nicht einfach nur im Blut. Die Leber spielt eine wichtige Rolle im Kupferstoffwechsel und dient als Speicherorgan. Bei einer Blutuntersuchung messen wir dagegen die Kupferkonzentration im Serum oder Plasma, also nur einen Teil des Gesamtbildes.
Vereinfacht kann man sich das ein bisschen wie ein Lager und den laufenden Betrieb vorstellen:
Die Leber ist eines der Lager. Das Blut zeigt, was gerade im Umlauf ist.
Genau deshalb lässt sich aus einem einzelnen Serum- oder Plasmawert nicht automatisch ableiten, wie die Kupferversorgung des gesamten Körpers aussieht. Untersuchungen beim Pferd haben sich deshalb ausdrücklich auch mit der Beziehung zwischen Kupferkonzentrationen im Serum und in der Leber beschäftigt.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Blutwerte wertlos sind. Wenn ich sie habe, schaue ich sie mir selbstverständlich an.
Ich würde nur nicht sagen:
„Kupfer im Blut im Referenzbereich, also kann Kupfer definitiv kein Thema sein.“
Wenn gleichzeitig die berechnete Ration über längere Zeit wenig Kupfer liefert und am Pferd etwas auffällt, das zu einer unzureichenden Kupferversorgung passen könnte, schaue ich mir das Gesamtbild an.

Was ich selbst in der Praxis beobachtet habe
Hier möchte ich bewusst zwischen dem unterscheiden, was sich fachlich erklären lässt, und dem, was ich selbst an Pferden beobachtet habe.
Ich habe mehrfach erlebt, dass sich diese typischen helleren Veränderungen rund um die Augen nach einer gezielten Anpassung der Kupferversorgung deutlich zurückgebildet haben, teilweise innerhalb von drei bis vier Wochen.
Das ist für mich kein Beweis dafür, dass jede Kupferbrille durch Kupfermangel entsteht. Aber es ist eine Beobachtung, die ich auch nicht einfach ignoriere.
Bei meinen eigenen Pferden kenne ich die Rationen inzwischen sehr genau. Seit ich ihre Versorgung entsprechend angepasst habe, sehe ich diese typischen Kupferbrillen bei ihnen nicht mehr. Würde bei einem meiner Pferde wieder eine auftauchen, wäre das für mich deshalb ein Anlass, meine Berechnung noch einmal zu kontrollieren.
Nicht automatisch Kupfer draufkippen, sondern nachsehen, ob und warum die Versorgung nicht mehr so aussieht, wie ich sie geplant habe.
Und dann wären da noch Zink und Eisen
Kupfer steht dabei nicht alleine.
Gerade bei Spurenelementen interessiert mich nicht nur die absolute Menge, sondern auch, was drumherum passiert. Eine sehr hohe Zinkaufnahme kann beispielsweise die Kupferaufnahme beeinträchtigen. Auch eine hohe Eisenzufuhr kann die Kupferverfügbarkeit beeinflussen.
Deshalb werden unter anderem auch die Mengenverhältnisse betrachtet. Für Zink und Kupfer findet man beispielsweise häufig ein Verhältnis von ungefähr 3:1 bis 4:1.
Aber auch hier reicht mir das Verhältnis alleine nicht. 300 mg Zink zu 100 mg Kupfer und 30 mg Zink zu 10 mg Kupfer ergeben mathematisch beide 3:1. Die Versorgung des Pferdes ist damit offensichtlich trotzdem nicht dieselbe.

Erst die Mengen, die gesamte Ration und ihr Verhältnis zueinander ergeben das Bild.
Was mache ich also mit einer Kupferbrille?
Für mich liegt die sinnvolle Antwort irgendwo zwischen zwei Extremen.
„Kupferbrille = definitiv Kupfermangel.“
Das ist mir zu pauschal.
„Eine Kupferbrille sagt überhaupt nichts aus.“
Das ist mir aber genauso pauschal.
Kupfer ist nachweislich an der Pigmentbildung beteiligt. Eine unzureichende Versorgung kann sich auf die Pigmentierung auswirken. Gleichzeitig können Veränderungen rund um die Augen andere Ursachen haben.
Deshalb ist eine Kupferbrille für mich ein Hinweis, keine Diagnose.
Sehe ich sie bei einem Pferd, dessen Ration ich nicht kenne, weiß ich zunächst einmal fast gar nichts.
Sehe ich sie dagegen bei einem Pferd, dessen Grundversorgung nicht passt, dessen berechnete Kupferzufuhr niedrig ist und bei dem vielleicht noch weitere Punkte ins Bild passen, bekommt dieselbe Beobachtung für mich eine ganz andere Bedeutung.
Und bei meinen eigenen Pferden, deren Versorgung ich sehr genau kenne, ist sie wiederum etwas anderes: ein Grund, meine Berechnung zu überprüfen.
Genau deshalb möchte ich weder jedes sichtbare Zeichen sofort einem einzelnen Nährstoff zuschreiben noch sichtbare Veränderungen grundsätzlich für bedeutungslos erklären.
Ich schaue hin. Ich rechne nach. Und dann ordne ich ein.
Denn auch bei Kupfer gilt:
Ein Nährstoff ist nie die ganze Geschichte.
Quellen & weiterführende Literatur
Pretzler, M. & Rompel, A. (2024): Tyrosinases: a family of copper-containing metalloenzymes. Archives of Biochemistry and Biophysics.Zur Studie bei PubMed
Suttle, N. F. et al. (1996): Serum and hepatic copper concentrations used to define normal, marginal and deficient copper status in horses. Equine Veterinary Journal, 28(6), 497–499.Zur Studie bei PubMed
Pearce, S. G. et al. (1998): Effect of copper supplementation on the copper status of pasture-fed young Thoroughbreds. Equine Veterinary Journal, 30(3), 204–210.Zur Studie bei PubMed
Merck Veterinary Manual (2026): Nutritional Requirements of Horses and Other Equids.Zur Fachquelle
National Research Council (2007): Nutrient Requirements of Horses. Sixth Revised Edition. National Academies Press.Zum Buch bei National Academies Press




Kommentare