„Stumpfes Fell? Dann fehlt Zink!“ Ist Pferdefütterung wirklich so einfach?

Stumpfes Fell, schlechter Fellwechsel, brüchige Hufe oder Hautprobleme und ziemlich schnell fällt im Stall ein Satz:
„Da fehlt bestimmt Zink.“
Und ganz falsch ist der Gedanke zunächst nicht. Zink ist ein essentielles Spurenelement und an zahlreichen Prozessen im Körper beteiligt. Unter anderem spielt es für Haut und Hufe eine wichtige Rolle. Ein tatsächlicher Zinkmangel kann deshalb durchaus mit Veränderungen an Haut und Fell einhergehen.
Aber wofür braucht ein Pferd Zink eigentlich?

Zink nur mit Fell und Hufen in Verbindung zu bringen, wird seiner Bedeutung im Körper nicht wirklich gerecht.
Das Spurenelement ist Bestandteil beziehungsweise Cofaktor zahlreicher Enzyme und Proteine und damit an sehr grundlegenden Vorgängen beteiligt.
Dazu gehören unter anderem DANN- und Proteinsynthese, Zellteilung und Zellwachstum, Immunfunktion, antioxidative Schutzmechanismen sowie Aufbau und Erneuerung von Gewebe. Gerade Gewebe mit einer hohen Zellteilungsrate sind auf eine ausreichende Zinkversorgung angewiesen. Zink spielt außerdem eine wichtige Rolle bei der Erhaltung und Reparatur epithelialer Strukturen, also der Gewebe, die äußere und innere Oberflächen beziehungsweise Barrieren des Körpers bilden.
Damit landen wir natürlich wieder bei Haut und Fell, aber eben nicht nur dort. Auch Schleimhäute gehören zu diesen epithelialen Barrieren, und Zink ist außerdem an verschiedenen Vorgängen des angeborenen und erworbenen Immunsystems beteiligt.
Genau deshalb halte ich Zink für einen Nährstoff, bei dem eine gute Versorgung wirklich wichtig ist.
Das Problem beginnt für mich an einer anderen Stelle:
Aus „Zink kann dabei eine Rolle spielen“ wird sehr schnell „Das Pferd braucht mehr Zink.“
Und genau so einfach ist Pferdefütterung meistens nicht.
Ein sichtbares Problem ist ein Hinweis, noch keine Diagnose.
Und natürlich schaue auch ich mir ein Pferd an, mache mir ein Bild vom Zustand. Wurde etwas verändert? Oder vielleicht auch nicht und das Pferd kann etwas, das lange unauffällig geblieben ist, inzwischen nicht mehr genauso kompensieren?
Solche Beobachtungen sind wertvoll. Sie können ein Grund sein, genauer hinzuschauen.
Sie verraten mir aber nicht automatisch, welcher Nährstoff fehlt oder ob überhaupt ein Nährstoffmangel die Ursache ist.
Denn ein stumpfes Fell trägt kein Schild mit der Aufschrift „Zinkmangel“.
Auch Protein- und Aminosäurenversorgung, Energieversorgung, andere Mineralstoffe und Spurenelemente sowie die gesamte Fütterung spielen eine Rolle. Darüber hinaus können natürlich Haltung, Alter, Jahreszeit, Parasiten oder gesundheitliche Probleme das Aussehen eines Pferdes beeinflussen.
Deshalb wäre es aus meiner Sicht falsch, von einem einzelnen sichtbaren Merkmal direkt auf einen bestimmten Mangel zu schließen.
Also einfach ein Blutbild machen?
Auch hier wird es interessanter, als es auf den ersten Blick klingt.
Bei einer Untersuchung an 538 Pferden und Ponys sowie einer zusätzlichen Fütterungsstudie wurde unter anderem untersucht, wie aussagekräftig die Zinkkonzentration im Plasma für die tatsächliche Zinkversorgung ist.
In der Fütterungsstudie führte eine steigende Zinkzufuhr nicht entsprechend zu steigenden Plasma-Zinkwerten. Die Autoren weisen deshalb auf die Grenzen der Plasma-Zinkkonzentration als Marker für die Zinkaufnahme hin.
Das bedeutet allerdings nicht, dass wir das Blutbild einfach ignorieren und stattdessen Fell oder Hufe „lesen“ können.
Im Gegenteil.
Es zeigt vor allem, warum die Beurteilung der Nährstoffversorgung manchmal komplizierter ist als:
Wert im Referenzbereich = Versorgung perfekt.
Wert außerhalb des Referenzbereichs = diesen Stoff zufüttern.
Auch Laborwerte müssen im jeweiligen Zusammenhang betrachtet werden.
Dann geben wir sicherheitshalber einfach etwas mehr Zink?
Das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem meine Antwort besonders häufig lautet:
Ich möchte erst wissen, was das Pferd bereits bekommt.
Denn sobald ich einen einzelnen Nährstoff erhöhe, verändere ich nicht nur eine Zahl in einer Tabelle.
Nährstoffe stehen miteinander in Beziehung.

Bei Zink ist beispielsweise die Versorgung mit Kupfer relevant. Eine sehr hohe Zinkaufnahme kann die Kupferaufnahme beeinträchtigen. Auch eine hohe Eisenaufnahme kann die Kupferversorgung beeinflussen. Für mich ist das ein gutes Beispiel dafür, warum ich diese Spurenelemente nicht isoliert voneinander betrachte: Verändert sich die Versorgung eines Elements, können sich dadurch auch die Bedingungen verändern, unter denen andere Spurenelemente aufgenommen und verwertet werden. In Pferderationen wird deshalb unter anderem auf das Verhältnis zwischen Zink und Kupfer geachtet. Häufig werden Rationen mit einem Zn:Cu-Verhältnis von etwa 3:1 bis 4:1 formuliert.
Und genau hier beginnt für mich die eigentliche Rationsberechnung.
Nicht bei der Frage:
„Welches Zinkpräparat soll ich kaufen?“
Sondern bei:
Wie viel Zink bekommt das Pferd bereits über seine gesamte Ration?
Und direkt danach kommen die nächsten Fragen.
Wie sieht die Kupferversorgung aus? Wie viel Eisen bringt die Grundration mit? Welches Mineralfutter wird bereits eingesetzt? Welche Mengen werden tatsächlich gefüttert? Wie sieht das Raufutter aus? Welche weiteren Ergänzungen kommen dazu?
Denn ein einzelner Wert kann auf dem Papier wunderbar aussehen und die Gesamtration trotzdem nicht sinnvoll zusammengesetzt sein.
Mehr ist nicht automatisch besser
Gerade bei Mineral- und Ergänzungsfuttermitteln entsteht schnell der Eindruck, etwas mehr könne zumindest nicht schaden.
Bei Zink liegen zwischen der Bedarfsdeckung und Mengen, bei denen mit negativen Auswirkungen gerechnet werden muss, zwar große Abstände. Trotzdem bedeutet das nicht, dass eine möglichst hohe Versorgung automatisch einen zusätzlichen Nutzen bringt.
Wie wichtig dabei auch die Verhältnisse zwischen einzelnen Nährstoffen sein können, zeigen Untersuchungen an jungen Pferden besonders deutlich.
In einer Fütterungsstudie an Absetzfohlen führten sehr hohe Zinkgehalte in der Ration zu sinkenden Kupferkonzentrationen. Die Fohlen der beiden Gruppen mit der höchsten Zinkzufuhr entwickelten innerhalb weniger Wochen eine Kupferunterversorgung und wurden lahm. Bei ihnen wurden Veränderungen am Knorpel beschrieben, wie sie bei Osteochondritis dissecans auftreten.
Auch bei jungen Pferden, die über belastete Weiden sehr hohe Zinkmengen aufgenommen hatten, wurden Lahmheiten und Veränderungen des Skeletts beschrieben. Als wesentlicher Zusammenhang wurde auch hier die durch die hohe Zinkaufnahme beeinträchtigte Kupferversorgung diskutiert.
Das bedeutet natürlich nicht, dass ein Pferd durch ein paar Milligramm Zink über seinem errechneten Bedarf krank wird. Solche Untersuchungen arbeiten beziehungsweise beschreiben deutlich höhere Belastungen. Sie zeigen aber sehr anschaulich, warum ich bei Spurenelementen nicht nach dem Prinzip „viel hilft viel“ arbeiten möchte.
Mein Ziel ist nicht, einzelne Werte möglichst hoch zu bekommen.
Mein Ziel ist eine bedarfsgerechte Versorgung, bei der auch die Verhältnisse innerhalb der Ration stimmen.
Und das stumpfe Fell?
Vielleicht zeigt die Berechnung am Ende tatsächlich, dass die Zinkversorgung nicht ausreicht.
Vielleicht ist Zink ausreichend vorhanden.
Und vielleicht liegt die Ursache für das stumpfe Fell überhaupt nicht primär in der Fütterung.
Genau deshalb ist ein sichtbares Symptom für mich ein Anlass, genauer hinzusehen, aber noch keine Antwort darauf, was dem Pferd fehlt.
Ein Nährstoff ist nie die ganze Geschichte.

Quellen & weiterführende Literatur
1. Merck Veterinary Manual – Nutritional Requirements of Horses and Other EquidsFür Zinkbedarf beim Pferd, Mineralstoffversorgung und insbesondere das Zn:Cu-Verhältnis von etwa 3:1 bis 4:1. Nutritional Requirements of Horses and Other Equids
2. Vervuert et al. (2023) – Zinc Status of Horses and Ponies: Relevance of Health, Horse Type, Sex, Age, and Test MaterialDas ist deine wichtige 538-Pferde/Ponys-Quelle. Im zusätzlichen Fütterungsversuch stieg Zink im Plasma trotz steigender Zinkzufuhr nicht entsprechend an. Genau darauf beruht dein Abschnitt über die Grenzen von Plasma-Zink als Versorgungsmarker. Zinc Status of Horses and Ponies – PubMed
3. Bridges & Moffitt (1990) – Influence of variable content of dietary zinc on copper metabolism of weanling foalsDas ist die Fohlenstudie aus deinem Abschnitt „Mehr ist nicht automatisch besser“: Die beiden Gruppen mit sehr hoher Zinkzufuhr wurden innerhalb von fünf bis sechs Wochen hypokuprämisch und innerhalb von sechs Wochen lahm; beschrieben wurden Knorpelveränderungen charakteristisch für Osteochondritis dissecans. Influence of variable content of dietary zinc on copper metabolism of weanling foals – PubMed
4. Eamens, Macadam & Laing (1984) – Skeletal abnormalities in young horses associated with zinc toxicity and hypocuprosisDas ist dein zweites Praxis-/Fallbeispiel: vier junge Pferde auf belasteten Weiden mit sehr hoher Zinkaufnahme, Lahmheit und Skelettveränderungen. Die Autoren führten die Befunde auf eine durch hohe Zinkaufnahme induzierte Kupferunterversorgung zurück; hohe Eisenaufnahme könnte das Problem zusätzlich verstärkt haben. Skeletal abnormalities in young horses associated with zinc toxicity and hypocuprosis – PubMed
5. Hassan et al. (2020) – Role of Zinc in Mucosal Health and Disease: A Review of Physiological, Biochemical, and Molecular ProcessesFür deinen allgemeinphysiologischen Abschnitt zu epithelialen Barrieren, Zellwachstum und Immunfunktion. Wichtig: Das ist keine Pferdestudie, sondern eine allgemeine/humanmedizinische Übersichtsarbeit zur Zinkphysiologie. Role of Zinc in Mucosal Health and Disease – PubMed
6. Demling (2009) – Nutrition, Anabolism, and the Wound Healing Process: An OverviewErgänzt den Grundlagenabschnitt: Zink als Cofaktor u. a. bei DNA- und Proteinsynthese, Zellproliferation, Immunfunktion und antioxidativen Mechanismen. Auch dies ist allgemeine/humanmedizinische Physiologie, nicht pferdespezifisch. Nutrition, Anabolism, and the Wound Healing Process – PMC Volltext



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