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Pferdefütterung ist mehr als Bedarfswerte – warum die gesamte Ration zählt

Autorenbild: Jaqueline Friesen
Jaqueline Friesen
30. Aug.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 5. Sept.

Eine Ration besteht nicht aus einzelnen Zahlen


Wenn ich eine Pferderation berechne, schaue ich nicht nur darauf, ob Zink, Kupfer, Magnesium oder einzelne Aminosäuren jeweils irgendeinen Bedarfswert erreichen. Entscheidend ist für mich das Gesamtbild.

Denn Nährstoffe wirken im Organismus nicht unabhängig voneinander. Manche stehen in direkter Wechselwirkung, manche konkurrieren miteinander, andere werden gemeinsam für bestimmte Stoffwechselprozesse benötigt. Und an manchen Stellen kann ein knapp verfügbarer Baustein zum begrenzenden Faktor werden.

Ein Bild, das ich dafür sehr gerne benutze, ist Liebigs Fass – das Gesetz des Minimums.

Stell dir die Versorgung des Pferdes wie ein Holzfass vor. Jedes Brett steht für einen notwendigen Baustein der Versorgung. Einige Bretter sind hoch, andere etwas niedriger und eines ist vielleicht besonders kurz.

Du kannst die anderen Bretter immer weiter verlängern: mehr Zink, mehr Kupfer, mehr Protein, mehr von irgendeinem Ergänzungsfutter. Das Fass kann trotzdem nur bis zur Höhe seines kürzesten Brettes gefüllt werden.

Genau deshalb ist „mehr“ für mich nicht automatisch „besser“.

Die entscheidende Frage lautet zunächst:

Wo liegt überhaupt der begrenzende Faktor – und wie sieht die gesamte Ration aus?



In der Pferdefütterung ist das Fass allerdings komplizierter


Denn die Bretter stehen nicht einfach nur nebeneinander. Sie beeinflussen sich teilweise gegenseitig.

Ein Nährstoff kann ausreichend vorhanden sein und trotzdem in einem ungünstigen Verhältnis zu einem anderen stehen. Eine hohe Zufuhr eines Stoffes kann die Aufnahme oder Verwertung eines anderen beeinflussen. Gleichzeitig kann ein Futtermittel, das wir wegen eines bestimmten Nährstoffes einsetzen, zahlreiche weitere Nährstoffe mitbringen.

Deshalb reicht es nicht, einzelne Werte isoliert „grün“ zu bekommen.

Wenn ich eine Ration optimiere, interessiert mich nicht nur:

Wie viel ist drin?

Sondern auch:

Woher kommt es? Was kommt gleichzeitig mit? Wie stehen relevante Nährstoffe zueinander? Und was verändert sich im gesamten System, wenn ich an einer Stelle etwas erhöhe oder reduziere?


Ein praktisches Beispiel: Zink und Kupfer


Besonders anschaulich wird das bei Mineralstoffen und Spurenelementen.

Nehmen wir Zink und Kupfer. Beide erfüllen im Organismus wichtige Aufgaben. Trotzdem ist es nicht sinnvoll, einfach beide möglichst hoch zu dosieren. Entscheidend sind nicht nur die absoluten Mengen, sondern auch relevante Wechselwirkungen.

Eine sehr hohe Zinkzufuhr kann beispielsweise die Kupferaufnahme beeinträchtigen. Auch eine übermäßige Eisenzufuhr kann die Aufnahme beziehungsweise Verwertung von Kupfer beeinflussen. Kupfer selbst wird unter anderem für verschiedene Enzymsysteme, das Bindegewebe und die Bildung von Melanin benötigt und spielt damit auch für die Pigmentierung eine Rolle.

Genau hier zeigt sich, warum ich bei einer Rationsberechnung nicht einfach jeden einzelnen Balken möglichst weit nach oben schiebe.

Ein hoher Wert ist nicht automatisch ein guter Wert.

Entscheidend ist, ob die Gesamtversorgung zum Pferd passt und relevante Nährstoffe in sinnvollen Mengen und Verhältnissen zueinander stehen.



Energie und Baustoffe gehören ebenfalls zusammen


Das Prinzip endet nicht bei Mineralstoffen und Spurenelementen.

Auch Energie, Protein und Aminosäuren müssen zur Gesamtration passen.

Energie benötigt das Pferd nicht nur für Bewegung. Sie wird für die Aufrechterhaltung der Körperfunktionen und zahlreiche Stoffwechselprozesse benötigt. Je nach Pferd und Lebensphase verändert sich der Energiebedarf zusätzlich, beispielsweise durch Arbeit, Wachstum, Trächtigkeit oder Laktation.

Gleichzeitig reicht Energie allein für eine ausgewogene Versorgung nicht aus. Für Aufbau, Erhalt und Erneuerung von Gewebe benötigt der Organismus unter anderem Protein beziehungsweise essenzielle Aminosäuren sowie Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine, die an zahlreichen Körper- und Stoffwechselprozessen beteiligt sind.

Auch umgekehrt ergibt es wenig Sinn, ausschließlich einzelne „Baustoffe“ immer weiter zu erhöhen, ohne die Energieversorgung und den tatsächlichen Bedarf des Pferdes mit einzubeziehen.

Hafer ist dafür ein gutes Beispiel aus meinem eigenen Fütterungsalltag. Manche Pferde reagieren auf eine höhere Energiezufuhr deutlich munterer oder „kerniger“. Für mich stellt sich dann aber nicht ausschließlich die Frage, ob der Hafer dafür verantwortlich ist.

Ich möchte wissen:

Wie viel Energie bekommt das Pferd insgesamt? Wie hoch ist sein tatsächlicher Bedarf? Wie viel Arbeit leistet es? Und wie sieht die übrige Nährstoffversorgung aus?

Deshalb lautet die entscheidende Frage für mich nicht:

„Braucht dieses Pferd Hafer, ja oder nein?“

Sondern:

„Was braucht dieses Pferd insgesamt, damit Energie- und Nährstoffversorgung sinnvoll zusammenspielen?“



Aber woher weiß ich überhaupt, was ein Pferd braucht?


Genau an diesem Punkt kommen die Bedarfswerte ins Spiel.

Denn „bedarfsgerecht“ bedeutet nicht, nach Gefühl möglichst viele Nährstoffe in eine Ration zu packen. Für Energie, Protein, Aminosäuren, Mineralstoffe und Spurenelemente gibt es wissenschaftlich erarbeitete Referenz- und Bedarfswerte, anhand derer sich die Versorgung eines Pferdes einschätzen und eine Ration berechnen lässt.

Dabei ist der Bedarf nicht für jedes Pferd gleich.

Körpergewicht, Alter, Arbeitsleistung und Lebensphase spielen unter anderem eine Rolle. Ein ausgewachsenes Pferd im Erhaltungsbedarf hat andere Anforderungen als ein Pferd in stärkerer Arbeit, ein wachsendes Jungpferd oder eine tragende beziehungsweise laktierende Stute.

Und trotzdem gibt es nicht die eine Tabelle, die weltweit für jedes Pferd exakt denselben Wert vorgibt.

Verschiedene wissenschaftliche Referenzsysteme können zu unterschiedlichen Empfehlungen kommen. Im deutschsprachigen Raum werden unter anderem die Empfehlungen der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) herangezogen.

International ist außerdem das NRC – National Research Council mit seinen Nutrient Requirements of Horses eine wichtige Referenz. Die sechste überarbeitete Ausgabe wurde 2007 als wissenschaftlicher Consensus Report veröffentlicht.

Ich beschäftige mich in meinen Berechnungen deshalb nicht nur damit, ob ein Wert erreicht wird, sondern auch damit, auf welcher Grundlage dieser Wert zustande kommt und wie er im Zusammenhang mit der gesamten Ration zu beurteilen ist.

Bedarfswerte sind für mich also keineswegs unwichtig – im Gegenteil:

Sie geben der Berechnung ihren Rahmen.

Sie ersetzen aber nicht den Blick auf das gesamte Pferd und seine gesamte Ration.


Wenn Bedarfswerte auf die tatsächliche Ration treffen


Eine Rationsberechnung beginnt für mich deshalb nicht beim Mineralfutter und auch nicht bei der Frage, welches Ergänzungsfutter noch „fehlt“.

Sie beginnt bei dem, was das Pferd bereits jeden Tag bekommt.

Raufutter bildet dabei die Grundlage. Dazu kommen je nach Haltung und Fütterung Weide, Kraftfutter, Mineralfutter und sämtliche Ergänzungen. Erst wenn diese Bestandteile gemeinsam betrachtet werden, lässt sich beurteilen, was die Gesamtration tatsächlich liefert.

Diese Ist-Versorgung kann anschließend dem individuellen Bedarf des Pferdes gegenübergestellt werden.

Und erst dann wird für mich die eigentliche Frage interessant:

Was muss überhaupt verändert werden?

Vielleicht fehlt tatsächlich ein Nährstoff.

Vielleicht ist ausreichend davon vorhanden, aber das Verhältnis zu einem anderen Nährstoff ist ungünstig.

Vielleicht bringt ein zusätzliches Futtermittel zwar den gewünschten Stoff mit, gleichzeitig aber so viel von einem anderen, dass sich an anderer Stelle ein neues Ungleichgewicht ergibt.

Oder vielleicht zeigt die Berechnung auch, dass an einer Stelle überhaupt nichts zusätzlich ergänzt werden muss.

Genau deshalb versuche ich nicht, möglichst viele einzelne Werte irgendwie aufzufüllen.


Mein Ziel ist eine Ration, bei der Bedarf, Gesamtzufuhr und relevante Nährstoffverhältnisse möglichst sinnvoll zusammenpassen.


Am Ende zählt das ganze Fass


Und damit sind wir wieder bei Liebigs Fass vom Anfang.

Bedarfswerte geben mir die Orientierung. Die tatsächliche Ration zeigt mir, was bereits vorhanden ist. Und erst der Blick auf beides zusammen zeigt, wo überhaupt verändert werden muss.

Das Fass soll nicht ein besonders hohes Brett bekommen, während wir die anderen vergessen.

Es geht um das Gesamtbild.


Bedarf, Gesamtzufuhr und relevante Nährstoffverhältnisse müssen möglichst sinnvoll zusammenpassen.


Genau das bedeutet für mich bedarfsgerechte Pferdefütterung:

nicht möglichst viel zu füttern, sondern möglichst passend.



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